Mit Lean Startup Methodik schnell und effizient ans Ziel

Wie lassen sich Methoden und Prozesse des Lean Startup auf das eigene Geschäft übertragen?
Nadine Balzen
Februar 4, 2021

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Der Begriff “lean” bedeutet übersetzt schlank. Er kommt eigentlich aus der Automobilbranche und wurde in den 90er Jahren durch das neue Produktionssystem von Toyota geprägt. Ziel ist es, möglichst jede Verschwendung zu vermeiden. Abgeleitet von dieser schlanken Produktionsmethode wurde eine Herangehensweise für Startups entwickelt: die Lean Startup Methode.

Die Lean-Startup-Methode

Entwickelt wurde die Methode von Eric Ries. Der Multi-Gründer beschreibt und veranschaulich sie in seinem Bestseller “The Lean Startup”. Der Lean Startup Ansatz beschreibt, wie man neue Produkt- und Serviceideen möglichst ressourcenschonend und schnell validiert. Bevor ich zeige, wie Lean Startup auch in etablierten Unternehmen integriert werden kann, schauen wir einmal auf die fünf Prinzipien, die der Lean-Startup-Methode zugrunde liegen:

1. Entrepreneure gibt es überall

Startups sind an keinen bestimmten Ort oder Zeit gebunden. Jeder kann in der eigenen Garage oder in einem großen Unternehmen ein Startup gründen und Entrepreneur werden.

2. Entrepreneurship ist Management

Ein Startup ist nicht nur ein Produkt, sondern eine Organisation. Gründer:innen müssen sich im Klaren sein, dass sie das Unternehmen durch verantwortungsvolles Handeln und strategische Entscheidungen zum Erfolg führen.

3. Validierte Lernprozesse

Der eigentliche Daseinszweck eines Startups besteht darin, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu finden. Das geschieht mit Hilfe relevanter Daten, Auswertungen und fortlaufenden Experimenten.

4. Bauen — Messen — Lernen

Ideen in ein Produkt umzuwandeln, die Reaktion der Nutzer:innen zu messen und daraus zu lernen, sind die grundlegenden Schritte, um zu bewerten, ob der aktuelle Weg fortgesetzt wird oder Anpassungen nötig sind.

5. Innovationsbilanz

Um Fortschritte schichtbar zu machen, müssen sie messbar sein. Meilensteine und sinnvolle Priorisierung der Aufgaben helfen dabei, Erfolge transparent zu machen und den Überblick zu behalten.

Mit Lean Startup schneller, günstiger und effizienter zum Erfolg

Lean Startup ist eine Philosophie bzw. ein Mindset, nach dem Unternehmen handeln. Startups, die nach diesem Ansatz arbeiten, versuchen jede Verschwendung von Ressourcen, wie Zeit oder Geld, zu vermeiden. Auf diese Weise können innovative Ideen und Geschäftsmodelle schneller, günstiger und effizienter überprüft und umgesetzt werden. Im Kern bedeutet das: So schnell wie möglich an den Markt zu gehen und sich Feedback zu holen. Der Markt bzw. die Nutzer:innen entscheiden maßgeblich über das Produkt oder den Service mit.

”Plane nicht lange, sondern mach erst einmal und lerne daraus!” ist die beste Methode, um schnell an relevantes Feedback der Nutzer zu kommen. Lean Startup beschreibt wie Feedback hilft, möglichst ressourcenschonend und schnell ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen.

Der Lean Startup-Ansatz hilft dabei, zwei wesentliche Punkte zu vermeiden:

  1. Unnötige Produkte entwickeln: Das klingt hart, aber viele Produkte oder Services werden so lange im Stillen entwickelt, bis sie “perfekt” sind, ohne dass Nutzer:innen das Produkt je ausprobiert haben. Dann folgt nach dem Launch und der Vermarktung die Enttäuschung: Die Kund:innenzahlen sind gering, egal wie gut das Produkt vermarktet wurde. Der Grund: Das Produkt schafft keinen Mehrwert für die Nutzer:innen.
  2. Effiziente Informationsbeschaffung: Mit dem Lean Startup Ansatz werden Informationen direkt bei den Kund:innen gesammelt. Startups erhalten wertvolles Feedback zum Produkt oder zur Dienstleistung von den Personen, für die etwas entwickelt wurde — den Nutzer:innen. Mit dem Wissen was den Nutzer:innen wichtig ist, können die richtige Richtung bestimmt, Entwicklungszkylen verkürzt und eine tatsächliche Innovation am Markt geschaffen werden.

Egal wie groß das Wissen um die Zielgruppe sein mag, fast jedes Produkt und jede Dienstleistung stützt sich am Anfang auf Hypothesen und versucht diese zu erfüllen, um ein angenommes Nutzerproblem oder Bedürfnis zu erfüllen. Wenn direkt Feedback eingesammelt und in die Entwicklung mit einbezogen wird, werden Ressourcen gespart und Sackgassen vermieden.

Lean im Geschäftsalltag

Die Lean Startup Methode beschreibt ein Mindset und “The Lean Startup” konkrete Vorgehensweisen. Die dort beschriebenen Ansätze, Gedanken und Methoden können grundsätzlich auf jeden Geschäftsalltag und seine Prozesse angewendet. Und das nicht nur als Startup, sondern auch als etabliertes Unternehmen. Hier kommt meine Empfehlung, welche Methoden und Ansätze gut im deutschen Geschäftsalltag integriert werden können:

1. Hypothesen und Annahmen überprüfen

Um ein ein wirklich sinnvolles Produkt oder eine Dienstleistung auf den Markt zu bringen, ist es zuerst essentiell herausfinden, ob es einen Wert schafft. Jedes neue Produkt oder jede Dienstleistung stützt sich dafür auf Hypothesen zur Zielgruppe und zum Markt. Diese Hypothesen und Annahmen müssen nicht unbeantwortet bleiben, vielmehr sollten sie frühzeitig validiert werden! Der Lean Startup Ansatz hat zwei wichtige Hypothesen, die überprüft werden sollten:

Nutzenhypothese = der reale Mehrwert eines Produktes

Die Nutzenhypothese drückt aus, ob und wie ein Produkt oder eine Dienstleistung einen tatsächlichen Mehrwert für eine definierte Zielgruppe bringt. Ries unterscheidet hier in vier zu überprüfende Fragen:

  1. Hat die Nutzer:in das zugrunde gelegte Problem (wirklich)?
  2. Würde sie* eine Lösung akzeptieren?
  3. Würde sie* unsere Lösung akzeptieren?
  4. Können wir eine Problemlösung entwickeln?

Wachstumshypothese = ein skalierbares Geschäftsmodell entwickeln

Die Wachstumshypothese trifft eine Aussage darüber, ob und wie das Unternehmen mit einem Produkt oder einer Dienstleistung wachsen und Geld verdienen kann. Ein wesentlicher Teil davon ist es, den eigenen Wachstumsmotor zu erkennen. Hier unterscheidet Ries in vier mögliche Wachstumsmotoren:

  1. Empfehlung von Kunden (Mund-zu-Mund-Propaganda)
  2. “Nebenwirkung” der Produktnutzung (z.B. Luxusartikel, Statussymbole)
  3. Bezahlte Werbung
  4. Wiederholungskäufe oder mehrmalige Nutzung

Die Überprüfung der Nutzen- und Wachstumshypothese erfolgt mithilfe von Experimenten und auf Basis eines MVP, auf die ich gleich noch weiter eingehe.

Wichtig an dieser Stelle und leicht auf jeden Geschäftsalltag zu übertragen, ist die Erkenntnis, dass bei der Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen von Hypothesen und nicht Fakten ausgegangen wird. Um diese Hypothesen zu validieren, muss ich mir eine Reihe von Fragen stellen und beantworten. Oft werden in etablierten Unternehmen die Formulierung und Beantwortung von zentralen Fragen übersprungen, die aber wesentlich sind, um zu bestimmen, ob ein Produkt eine Chance am Markt hat.

Ein Beispiel aus der Welt der Finanzen: Eine Vielzahl der Deutschen hat keine ausreichende Altersvorsorge und ist sich dessen auch bewusst. Gleichzeitig ist der Schmerz das Ganze selbst anzugehen für viele größer als der in ferner Zukunft erwartete Wert einer Lösung. Die zentrale Annahme, dass Menschen genug Eigeninitiative aufbringen ihre Finanzen selbst in die Hand zu nehmen, sollte ich also möglichst früh im Entwicklungsprozess validieren, wenn meine Lösung darauf basieren soll. Anderenfalls verschwende ich kostbare Zeit und Ressourcen, um eine Produkt zu entwicklen, dass auf einer falschen Annahme basiert.

2. Validiertes Lernen mit Experimenten

Startups wollen mit wenigen Ressourcen ein skalierendes Geschäftsmodell aufbauen und haben dafür nur vage Annahmen und Hypothesen zur Zielgruppe, dem Produkt und dem Markt. Validiertes Lernen holt direkt Nutzer:innenfeedback ein und lernt daraus. Das ist genauer als jede Marktprognose.

Zentrales Element dieses validerten Lernens sind Experimente. In Experimenten wird eine Hypothese festgelegt, überprüft und am Ende die Entscheidung getroffen: Sind wir auf dem richtigen Weg? Oder müssen wir den etwas verändern? Diese Experimente laufen immer nach dem gleichen Schema ab: Bauen-Messen-Lernen. Diese Bauen-Messen-Lernen-Feedbackschleifebildet das Herzstück des Lean Startup Ansatzes. Es ist ein iterativer Prozess bis das Produkt oder die Dienstleistung die gewünschte Marktreife erreicht hat.

Lean Startup nutzt dabei den pragmatischen Ansatz: Durch das Testen und Lernen wird die Erfolgswahrscheinlichkeit einer Idee erhöht. Statt einem starren, zu Beginn festgelegten Plan zu folgen, wird ein Lernprozess durchlaufen. Folgendes wird gemessen: Nehmen die Nutzer:innen das Produkt an? Wenn ja, wie? Welche Verbesserungen wünschen sie sich? Tragen Wachstumsmaßnahmen, wie bezahlte Werbung, die gewünschten Früchte? Gibt es andere Hintertürchen für Wachstum? Die hieraus gewonnen Erkenntnisse werden genutzt, um das Produkt und seinen Verkauf zu verbessern und an die Nutzer:innenbedürfnisse anzupassen.

Übersetzt auf etablierte Unternehmen bedeutet das, sich entgegen der Gewohnheit nicht auf 5-Jahres-Pläne zu stützen, sondern in kürzeren Zyklen Experimente bzw. Tests zu planen und durchzuführen. Und dabei nicht nur Ergebnisse sondern auch Feedback zu messen. Das Wort “Experimente” mag hierbei spielerisch klingen, sorgt aber viel besser als das langfristig geplante, starre Vorgehen für belastbare Fakten. So werden Ressourcen und Zeit gespart.

3. Produkte oder Services auf den Kunden zuschneiden

Im Zentrum der Bauen-Messen-Lernen-Feedbackschleife steht das Minimum Viable Product, kurz MVP. Das bedeutet übersetzt so viel wie das kleinstmögliche, praktikable Produkt. Mit dem MVP soll frühstmöglich ein kleines aber funktionsfähiges Produkt gelauncht werden, um anhand von Nutzer:innen-Feedback, ohne viel Kosten- und Zeitaufwand, in die erste nutzerzentrierte Adaption zu gehen. Das MVP ermöglicht es also, in den direkten Austausch mit Kund:innen zu gehen, sie zu verstehen und in iterativen Experimenten das Produkt auf ihre Bedürfnisse zu optimieren.

Wichtig: Bei einem MVP werden nur Funktionen eingebaut, die unbedingt nötig sind, um den eigentlichen Zweck des Produktes zu ermöglichen.

Die Nutzung eines MVP bei der Entwicklung neuer Ideen in etablierten Unternehmen ist dabei eigentlich genau das Gleiche wie bei Startups. Auch hier stellt sich die Frage: Was ist die kleinste Ausbaustufe, um auf Relevanz zu testen? Wie weit müssen wir ein Produkt oder auch einen neuen Prozess wirklich ausdifferenzieren, um herauszufinden, ob das Ganze erfolgreich wird? In den meisten Fällen lautet die Antwort: Nicht sehr weit. Mit einem frühen “Realtest”, stellen wir kostenschonend sicher, dass wir in die richtige Richtung marschieren. Und jede weitere Ausbaustufe kann dann schon auf validem Feedback aufsetzen.

4. Entscheidungen faktenbasiert treffen

Nicht jedes Produkt oder jede Dienstleistung wird ein Erfolg. Man kann noch so lange planen und entwickeln, ob das Produkt am Ende tatsächlich angenommen wird, entscheiden die Nutzer:innen. Die Messungen und Auswertung sind die Grundlage für Entscheidungen. Nach Ende eines Experiments stellt sich stets die Frage: Sind wir auf Kurs oder müssen wir den Kurs wechseln? Können wir die ursprünglich angenommen Hypothesen validieren? Ist dies nicht der Fall, ist ein Kurswechsel von Nöten. Aber Achtung! Das bedeutet nicht, alles über den Haufen zu werfen. Ein Kurswechsel ist die strukturierte Korrektur, mit der neue Hypothesen über Produkt, Strategie oder Wachstumsmotor überprüft werden. Auch das ist Teil des Lean Startup Ansatzes.

Alle Experimente zu Hypothesen, Überprüfung mittels MVP und der daraus resultierende Lernprozess helfen, offen mit Geschäftsideen umzugehen und diese schnellmöglich wirklich erfolgreich zu machen.

Fazit

Für den Geschäftsalltag kann ich abschliessend Folgendes mit auf den Weg geben: Expert:innentum in etablierten Unternehmen birgt leider eine Gefahr. Ein großer Erfahrungsschatz verleitet zur Vorwegnahme von Ergebnissen und Bauchentscheidungen. Dabei ist jede neue Produktentwicklung einem individuellen Set an Bedingungen unterworfen. Expert:innen können meist sehr gute Hypothesen aufstellen. Aber nur Testergebnisse validieren oder widerlegen sie solide in genau diesem Markt, zu diesem Zeitpunkt. Und das ist die beste Entscheidungsgrundlage für relevante, erfolgreiche Neuheiten!

Der Ansatz des Lean Startups ist nicht nur für Startups interessant. Jedes Unternehmen, das neue Produkte oder Dienstleistungen entwickelt, kann den Ansatz nutzen, um schnell zu evaluieren, ob ein Produkt am Markt eine Chance hat und einen Wert schafft und wie es für Nutzer:innen immer besser wird. Der Ansatz kann auch helfen, eine strategische Neuausrichtung zu finden. Etablierte Unternehmen können so neue Geschäftsfelder und Märkte erschliessen, ohne die Gefahr sich mit einem rieisigen Invest zu verrennen. Denn Innovationen sollen vor allem eines: Nutzen und Wert für die Kund:innen stiften. Dann werden sie zu unverzichtbaren Produkten oder Dienstleistungen, die Erfolg am Markt haben.

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