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Es ist Zeit für echtes New Work

In einer Zeit, in der sich das Wachstumsnarrativ des Kapitalismus zunehmend als das herausstellt, was es schon lange ist – problematisch und vor allem endlich – gibt es Raum für echtes New Work.

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Was ist New Work?

New Work wurde ursprünglich vom Sozialphilosophen Frithjof Bergmann in den 80er Jahren erdacht und in sogenannten Zentren für neue Arbeit praktisch erprobt. Die Philosophie der neuen Arbeit wurde als Gegenmodell zum Kapitalismus und der darin vorherrschenden Lohnarbeit entwickelt. Im Kontext von strauchelnden Industriezweigen – allen voran der amerikanischen Automobilwirtschaft – und einem gleichzeitig sukzessiven Untergang des realexistierenden Sozialismus, sah Bergmann eine Chance, das vorherrschende Wirtschaftssystem in ein neues System zu transformieren. Notwendig war das aus seiner Sicht, weil das bestehende Wirtschaftssystem im Wesentlichen auf einem krank machenden Lohnarbeitssystem basierte. Ein System, das die individuellen Wünsche, Bedürfnisse aber auch Fähigkeiten der Menschen nicht berücksichtigte. Aus seiner Sicht war es für die meisten darin lebenden Menschen im besten Fall eine erträgliche Notwendigkeit, im schlechtesten Fall geradezu schädlich – sowohl körperlich als auch psychisch.

Ein erster Versuch

Im Kontext wirtschaftlicher Umbrüche in der ehemaligen Automobilhochburg Flint Michigan, wollte er ein Gegenmodell erproben. Ziel war es, den Mitarbeitenden die Möglichkeit zu geben, sich Aufgaben zuzuwenden, die sie als sinnvoll und erfüllend wahrnahmen. Bergmann und sein Team schafften es, eine Entlassung der halben Belegschaft aus wirtschaftlichen Gründen zu verhindern. Stattdessen sollte die gesamte Belegschaft nur noch die Hälfte der Zeit im Lohnarbeitssystem arbeiten. Die andere Zeit nutzte das Team rund um Bergmann dazu, mit den Arbeitern alternative Beschäftigungen zu finden, die auf dem zentralen Credo von New Work basierten. Nämlich einer Arbeit, die die Menschen wirklich wirklich wollen.

Die Arbeit, die Menschen wirklich wirklich wollen, ist allerdings nicht immer auch Arbeit, die entsprechend entlohnt wird oder werden kann. Daher beschäftigte sich Bergmann im nächsten Schritt damit, wie er die Menschen aus der Notwendigkeit der Lohnarbeit wenigstens größtenteils befreien könnte. Ein zentraler Aspekt dabei war es, die Selbstversorgungsmöglichkeiten der Menschen zu fördern. Mit verschiedenen Forschungsgruppen entwickelte er im Kontext von sogenannten High-Tech-Eigenproduktionen Alltagsprodukte aber auch Maschinen, die nahezu jeder Mensch mit etwas Unterstützung auch in kleinen Werkstätten herstellen konnte. Denn Selbstversorgung war für ihn nicht erschöpft im eigenen Gemüseanbau, sondern sollte auch Dinge und Geräte enthalten die, „sexy“ waren und ein gutes Leben ermöglichten.

Das langfristige Ziel dieser beiden Ansätze war eine Gesellschaft, in der Menschen freier und selbstbestimmter sowie mehr im Einklang mit der Gemeinschaft leben, indem

1. Menschen die Arbeit finden, die sie wirklich wirklich wollen und

2. sie soweit wie möglich aus der Notwendigkeit von Lohnarbeit erlöst werden.

Was der Mainstream aus New Work machte

Der Gedanke von New Work fand im Laufe der Zeit Anklang bei einer wachsenden Zahl von Menschen. Gerade jüngere Generationen von Arbeitnehmer:innen suchten Alternativen zum bestehenden Wirtschafts- und Arbeitsmodell und fanden in New Work Antworten. Mit zunehmender Umkehrung der Kräfteverhältnisse am Arbeitsmarkt – Stichwort Fachkräftemangel – wurde New Work zum Buzzword und Trend. In jedem Unternehmen wurde ein Purpose definiert, die Arbeitsbedingungen wurden unter die Lupe genommen. Die vielzitierten Obstkörbe, offenen Arbeitsumgebungen und Kickertische gab es plötzlich nicht mehr nur in Startups. Später kamen flexible Arbeitszeit- und sogar Arbeitsortmodelle dazu. New Work wurde zum Sammelbegriff für alles, was moderner und flexibler war oder einfach anders als die bekannten hierarchischen Systeme.

Vom ursprünglich zentralen Gedanken, nämlich der sukzessiven Reduzierung einer ausbeuterischen Lohnarbeit und einem selbstbestimmten Leben für alle, blieb nicht viel übrig. Dass die verbesserten Arbeitsbedingungen im bestehenden System der Lohnarbeit trotzdem ein erster wichtiger Schritt waren, sehen wir später.

Eine zweite Welle von New Work?

Diese Reduzierung von New Work auf wenige Maßnahmen, die eine bestehende Lohnarbeit vor allem erträglicher machen, wurde auch von Bergmann selbst immer wieder stark kritisiert. Er nannte das Ganze auch „New Work im Minirock“. Für ihn waren diese Vorstöße schlicht zu wenig und zu oft nur ein Feigenblatt. Denn das übergeordnete Ziel war ja immer die Transformation unseres Wirtschaftssystems hin zu einem wirklich menschenfreundlichen System. Deswegen begrüßte Bergmann auch Vorstöße von Unternehmen, die sich eine echte Ausrichtung auf einen höheren Zweck gaben – heute würde man dies Impact Unternehmen nennen.

Die Frage, die an dieser Stelle aufkommt. Warum wurde von der eigentlich visionären Idee des New Work, ein neues Wirtschaftssystem zu erschaffen, nur so wenig aufgegriffen? Die Antwort ist schlicht: weil die, in deren Macht es lag, kein Interesse daran hatten und für die anderen der Schmerz noch nicht groß genug war. Zumindest in den entwickelten Ländern. Denn New Work hat tatsächlich viel weitreichenderen Anklang gefunden in Ländern, in denen die Abhängigkeit vom Lohnarbeitssystem sehr viel prekärere Zustände erzeugt.

Doch die Zeiten haben sich verändert. Wir haben den Klimawandel, vor dem Kipppunkt stehende oder gekippte Ökosysteme und das offensichtliche Ende von Ressourcen. Das kapitalistische Versprechen, das aus mehr Wachstum mehr Wohlstand für alle folgt, wurde endgültig als Lüge entlarvt. Viele Menschen sind müde und es leid, sich im Hamsterrad abzustrampeln, während unser ultravernetztes Wirtschaftssystem es bisweilen nicht mehr schafft, die Versorgung der Menschen mit einfachsten Dingen sicherzustellen.

Und genau hier liegen die Potentiale für einen neuen Anlauf „echtes New Work“:

  1. Impact first für eine lebenswerte Zukunft
  2. Weniger Lohnarbeit und mehr Zeit für die Gemeinschaft
  3. Mehr autarke und dezentrale Strukturen für mehr wirtschaftliche Stabilität

1. Impact first für eine lebenswerte Zukunft

Im Kontext strategischer Ausrichtung oder der Fokussierung eines Kulturwandels gab es vor einigen Jahren bereits eine ganze Welle von Purpose-Definitionen (alternativ auch Mission oder „Why“ genannt). Viele Unternehmen nutzen dies aber eher dazu, ihre Außendarstellung aufzupolieren, als sich ernsthaft Gedanken über den erweiterten Zweck des Unternehmens zu machen. Andere definierten gleich gar keinen und sahen den Zweck vor allem darin, „Geld zu verdienen“.

Ein guter Purpose beschreibt aber nicht nur den Zweck des Unternehmens, sondern auch ein ganz langfristiges „wozu?“ und bezieht dabei zentrale Werte mit ein. Er ist das strategische Fundament, auf dem alles Weitere aufbaut. „Wir wollen Geld verdienen“ ist dabei ein recht schwaches „wozu“. Natürlich wollen wir Geld verdienen. Es ist ein Unternehmen. Gleichzeitig kann man es natürlich auch übertreiben. Im Hype um den Purpose wurden viele Unternehmen plötzlich zum Weltretter, egal wie unwahrscheinlich das angesichts ihres Produktportfolios war und machten sich dabei unglaubwürdig.

In einer Zeit, in der schmerzlich deutlich wird, dass Ressourcen endlich sind und Profitstreben mehr zerstört als schafft, ist der Purpose eines Unternehmens eine zentraler Aspekt zur Bewertung eines Unternehmens – sowohl von außen als auch von innen. Die Frage, womit verdienen wir Geld, unter welchen Bedingungen und wer profitiert davon sind wichtig und müssen im Purpose beantwortet werden.

Unternehmen, die das verstehen und umsetzen, erleichtern es nicht nur bestehenden und potentiellen Mitarbeitenden einen Sinn in ihrer Lohnarbeit zu finden. Sie schaffen auch die Grundlage dafür, gut und profitabel zu wirtschaften, ein gutes Leben für viele zu schaffen und dabei unsere Lebensgrundlagen zu erhalten.

2. Weniger Lohnarbeit und mehr Zeit für die Gemeinschaft

Ich habe weiter oben im Text aufgeführt, welche Ansätze von New Work gut im klassischen Lohnarbeitssystem resonierten und dort auch sukzessive Einzug gefunden haben. Dazu gehören vor allem die Flexibilisierung von Arbeitszeit und -ort. Aber auch ein stärkeres Bewusstsein für ein im Wortsinne gesundes Verhältnis von Lohnarbeit und „Frei“zeit (Work-Life-Ballance), das Arbeitszeitreduzierung populär machte und zwar nicht nur für Frauen, um Zeit für Carearbeit zu haben.

Die Reduzierung der Lohnarbeit war aber schon immer ein wichtiger Grundpfeiler für die Transformation der Wirtschaft zu einer menschenfreundlichen. Durch die Reduzierung der Lohnarbeit ist es Menschen möglich, einer Beschäftigungen nachzugehen, in der sie individuell mehr Erfüllung finden. Eine Beschäftigung, die sie wirklich wirklich wollen. Das kann letztlich alles mögliche sein. New Work Projekte auf der ganzen Welt haben aber gezeigt, dass Menschen vor allem dazu tendieren, Dinge gemeinsam zu tun und langfristig Tätigkeiten zu wählen, die der Gemeinschaft einen Nutzen stiften. Denn durch diese Tätigkeiten erfahren sie Wertschätzung und Zugehörigkeit, was für uns als soziale Wesen zentral ist.

Die Reduzierung von Lohnarbeit ist aus meiner Sicht daher ein absolut notwendiges und längst überfälliges Instrument, um eine Vielzahl von Problemen zu lösen, die sich allein dadurch ergeben, dass wir viel zu lange versucht haben, zwischenmenschliche Interaktion als Dienstleistung zu sehen und wie alles andere zu optimieren. Ich spreche von Sorgearbeit für Angehörige, Freunde und Bedürftige aber auch schlicht für uns selbst. Ich spreche aber auch von Kunst: Musik, Theater, Tanz und von „einfachen“ Gesprächen. Wenn wir uns wieder mehr Zeit dafür nehmen, was unser Herz erfüllt, wäre die „Last“, die solche Dinge zuweilen geworden sind, keine mehr oder wenigstens besser verteilt.

3. Autarke und dezentrale Strukturen für mehr wirtschaftliche Stabilität

Im Zuge von Profitoptimierung, durch Umsatzsteigerung und Kostenreduzierung ist unser Wirtschaftssystem global inzwischen ultimativ vernetzt. Die Krisen der letzten drei Jahre haben gezeigt, dass das keine wirklich gute Idee war. Die Abhängigkeiten, in denen wir uns auch individuell befinden, können wir selbst gar nicht mehr überblicken. Sie sind außerhalb unserer Kontrolle, meist auch außerhalb jeglichen Einflusses. Das macht nicht wenigen Angst.

Bereits in der initialen Idee von New Work spielte die autarke Herstellung der wichtigsten Dinge für ein gutes Leben eine zentrale Rolle, wenngleich noch aus anderem Grund. Primäres Ziel war es, die Abhängigkeit von Lohnarbeit zu reduzieren. Auch heute ist dieses Ziel valide, wenn auch nicht das Wichtigste. Viel wichtiger aus meiner Sicht, ist die Reduzierung von Abhängigkeiten, die Möglichkeit die Welt ein stückweit überschaubar zu machen und vor allem, die vorhandenen Ressourcen gerecht zu verteilen. Dabei plädiere ich keineswegs dafür, alle Verbindungen aufzuheben. Aber auch hier sollte die Frage erlaubt sein: wozu? Und wer profitiert davon?

Wir müssen aufhören, andere für unsere Annehmlichkeiten auszubeuten und wir müssen Ressourcen so nutzen, dass für alle etwas übrig bleibt. Daher lohnt es sich durchaus zu überlegen, wie wir Kosten anders reduzieren. Bei den High-Tech Eigenproduktionen der New Work Bewegung ging es immer wieder darum: wie kann ich die Kosten für ein Produkt reduzieren. Die Antwort war häufig: indem ich es selbst oder besser in meiner lokalen Community zusammenbaue. Lokale Gemeinschaften zu bilden, um Produkte und Dienstleistungen für die Käufer:innen erschwinglich und für den Erzeuger tragfähig zu machen sind bspw. in der Landwirtschaft nichts Neues. Wie lässt sich das übertragen? Wie lässt sich das weiterentwickeln?

Fazit

New Work hatte schon immer mehr zu bieten als eine bessere Work-Life-Balance. Es war und ist eine Vision für ein besseres, menschenfreundliches Wirtschaftssystem. Vor dem Hintergrund akuter, globaler Krisen ist die Notwendigkeit eines alternativen Wirtschaftssystems relevanter denn je. New Work liefert uns konkrete praktische Ansätze, wie wir diese Transformation schaffen. Wir sollten es auf einen Versuch ankommen lassen und dem echten New Work ein Chance geben, anstatt weiter „nur“ für einen kleinen Teil der Menschen die Lohnarbeit erträglicher zu machen.

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