Prototyping ist kein Buzz!

Warum Prototyping relevant ist und wie du es in deinen Berufsalltag integrierst.
Franziska Luh
Oktober 4, 2018

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Prototyping ist so ein Wort, das auf einmal überall auftaucht, als wäre es der heilige Gral für alles. Ich selbst bin die erste, die ausgiebig mit den Augen rollt, wenn jemand mit Buzzwords um sich wirft. Das liegt aber meist nicht am Sujet, sondern daran, wenn ein Thema nur als Verkaufshülse verwendet wird und der Absender in diese Hülse keine praktischen Informationen steckt.

Prototyping ist eine sehr hilfreiche Methode im Innovationsprozess! Daher möchte ich hier so knackig wie möglich die Relevanz von Prototypen erklären und anhand eines Beispiels illustrieren warum es tatsächlich oft Sinn ergibt, ein Muster nach dem Test wegzuschmeissen, anstatt krampfhaft etwas Recycelbares zu produzieren. Am Schluss habe ich außerdem ein paar praktische Tipps, wie Prototyping in deinen Alltag einfliessen kann. Los geht’s:

Was ist Prototyping? Und gibt es dafür kein deutsches Wort?

Diese Frage habe ich schon einige Male mit anderen Innovationsmenschen besprochen und als Ergebnis verschiedenste Worte als Alternative zum Begriff Prototyp gefunden, z.B. Musterexemplar, Beispiel, Vorläufer, Modell, Vorlage. Leider aber kein einziges ordentliches zum Prozess des Prototyping.

Aus den Synonymen selbst lässt sich aber bereits eine 1A Definition ableiten:

Ein Prototyp ist etwas Manifestes, das mir in etwa zeigt, was mal kommen soll, dabei aber (nur) ein Zwischenschritt ist.

Warum? Weil ich damit schnell Feedback einholen kann. Und genau darum geht es beim Prototyping, um die Erstellung eines einfachen Beispiels für eine zukünftige Entwicklung, anhand dessen ich frühzeitig sehen kann, ob das Endergebnis gut und relevant wird. Diese Vorgehensweise ist so alt wie die Bronzezeit. Dazu möchte ich eine kleine Anekdote erzählen.

Prototypen beim Schmieden

Mein Mann und ich haben zu unserer Hochzeit einen Schmiedekurs geschenkt bekommen. Daran habe ich mich kürzlich zurückerinnert, als ich mit meiner Geschäftspartnerin Susanne über Prototypen sprach. Der Kurs hatte die Aufgabe grundlegende Schmiedefertigkeiten zu vermitteln und am Ende ein eigenes Messer hergestellt zu haben. Die wichtigste Eigenschaft eines solchen Messers ist Schärfe. Klar. Aber die zweitwichtigste, die bei jedem Teilnehmer individuell war, ist die gewünschte Form (Länge, Biegung usw.).

Das Musterexemplar zeigt nur wenige, nämlich die wichtigsten Eigenschaften.

Der erste Schritt im Prozess, bei dem wir bei Null angefangen haben, war es ein Musterexemplar aus Eisen — einen Prototyp, zu schmieden. Auf diese Weise sollten wir uns unserem Wunschmesser nähern, aber mit einem vertretbaren Aufwand. Denn der Laie kann erstens auf Anhieb nicht einschätzen, welche Form ihm wie gelingt und zweitens auch keine zwei Stahlmesser an einem Tag herstellen. Denn Stahl ist wesentlich härter und schwerer zu bearbeiten als Eisen.

Also haben wir das weichere, aber ähnlich zu bearbeitende Material Eisen genutzt, um die Handgriffe zu lernen, das Formen zu üben und die Klinge am Ende zu “testen” — in dem Fall mit unserer eigenen optischen Vorstellungen abzugleichen.

Das Eisenmesser ist dabei nur ein Vorläufer und wird am Ende von Schritt 1 einfach entsorgt. Das war ein bisschen traurig, weil hier ja unser erstes eigenes Messer entstanden ist. Aber faktisch ist es zu zerbrechlich für den Alltag. Hätten wir gleich mit Stahl begonnen, wäre das erste Ergebnis zwar haltbar, aber die Erstellung hätte wesentlich länger gedauert und das Ergebnis wäre ziemlich sicher schlechter gewesen.

Das gilt auch für die Entwicklung neuer Produkte oder Dienstleistungen. Die “Materialien”, um ein Muster herzustellen, sind oft nicht die gleichen, die nachher für das Endprodukt verwendet werden. Obwohl im Prozess Arbeitsergebnisse weggeschmissen werden, ist man insgesamt schneller und besser, als wenn jede Entwicklungsstufe schon auf dem Niveau eines Endproduktes hergestellt würde. Das sollte man sich immer vergegenwärtigen.

Prototypen im beruflichen Alltag

Es gibt vier Arten von Prototypen:

  1. Physische Prototypen, die optische Aspekte und Funktionsweisen eines physischen Produktes testen. z.B. das Eisenmesser als Prototyp zum späteren Stahlmesser,
  2. Service Prototypen, die analoge Interaktion zwischen Personen testen,
  3. Digitale Prototypen, die prüfen wie Menschen mit technologiebasierten Lösungen interagieren und
  4. Raum-Prototypen, die die Erfahrung, in einer Umgebung wie einem Gebäude, an einem Stand oder einer Außenfläche simulieren.

Wir bei XO arbeiten am häufigsten mit digitalen Prototypen und haben daher in diesem Bereich die meisten Erfahrungswerte.

Ein digitaler Prototyp kann ein digitaler Designentwurf, ein interaktiver Klick-Dummy oder auch eine Grafikanimationen sein.

Egal welche Form der Prototyp haben soll, am Anfang steht immer die Frage, was du mit ihm herausfinden willst. Was ist deine Kernfrage, die im Test geklärt werden soll? Hierzu wird dann eine Lösung entwickelt und in eine User Journey eingebettet. Anschließend erfolgt eine erste Visualisierung mithilfe eines Storyboards.

In einem Product Design Sprint verbringst du die ersten zwei Tage mit diesen Schritten, bevor du wirklich ins Prototyping gehst. Du kannst die Methode aber auch abkürzen und einfache Prototypen und Tests jederzeit zur Unterstützung deiner Meetings einsetzen. Hier sind drei Ansatzpunkte zum Ausprobieren:

Übung 1: Du hast einen Termin mit deinen Kollegen oder deinem Kunden, in dem du einen relativ komplexen Sachverhalt erklären willst. Unterstütze deine Erläuterung mit einer Visualisierung. Ich habe zuletzt z.B. in der Vorbereitung eines Workshops mit Kunden, die Raumpläne und Laufwege der Teams und Moderatoren wie ein Fussballtrainer visualisiert. Das hat sehr schnell für ein einheitliches Verständnis gesorgt.

Übung 2: Du möchtest eine neuartige Idee vorstellen und frühzeitig Feedback bekommen, ob sie interessant ist. Baue nicht nur eine Präsentation, sondern auch ein interaktives Element ein. In einem Vortrag, den ich kürzlich hörte, hatte der Vortragende so etwas integriert. Zunächst stellte er zwei Anwendungsfelder einer Technologie kurz vor. Durch Handzeichen lies er dann die Zuhörenden entscheiden, zu welchem der beiden Anwendungsfelder er mehr ins Detail gehen sollte. Mit diesem einfachen Mittel konnte er recht schnell die Relevanz des jeweiligen Feldes prüfen.

Übung 3: Wenn du im Ideenfindungsprozess mit deinem Team bist, hilft es, Ideen nicht nur verbal oder gescribbelt zu erläutern, sondern hiervon einen ersten einfachen Papierprotoypen zu bauen. Hierdurch werden Idee und Funktion nicht nur anschaulicher, durch die begrenzte Zeit in der Erstellung, müssen sich alle auf den Kern ihrer Idee oder wesentliche Funktionalitäten beschränken und werden hierdurch fokussierter.

Das ist ein erster Anfang

Probier es einfach aus! Vielleicht hast du auch weitere Ideen, wie du Prototypen in deinen Arbeitsalltag integrieren kannst. Ich freue mich über Kommentare. Und wenn du mehr erfahren willst: Schau dir das Video von Susanne mit weiterführender Anleitung zum digitalen Prototyping an. Gutes Testen!

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