Innovationskultur entsteht durch Handeln

Was Unternehmen bei der Etablierung einer Innovationskultur beachten müssen. Und warum eine Strategie allein nicht reicht.
Susanne Harnisch
Juni 10, 2021

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Als wir mit XO gestartet sind, haben wir Unternehmen vor allem in der schnellen Entwicklung neuartiger Ideen unterstützt. Hierbei kamen oft spannende, ungesehene Produkt- und Service-Ideen heraus, die leider nie das Licht der Welt erblickten. Und auch wenn das nicht unsere Ideen waren, die da in der Schubladen verschwanden, fanden wir das doch immer sehr schade. Aus diesem Grund haben wir begonnen, uns vermehrt mit dem hinteren Teil des Innovationsprozesses zu beschäftigen – also mit der Umsetzung von Ideen. Hier spielen auf der einen Seite innovationsförderliche Strukturen und Prozesse eine Rolle, aber auch ganz grundlegend die Innovationskultur. Wenn diese fehlt sind Innovationen häufig zum Scheitern verurteilt. Wie sich das äußert hat Franziska bereits in ihrem Artikel Woran scheitern Innovationen? beschrieben. Die vier wichtigsten Faktoren, an denen Innovationen scheitern sind:

  • Individuelle Entscheidungsschwäche
  • Niedrige Priorität von Innovation im Tagesgeschäft
  • Zu wenig Empathie für Kunde und Markt
  • Träge Organisation (keine etablierten und kontrollierten Prozesse)

Allen vier Faktoren können mit verschiedenen Methoden und Herangehensweisen bekämpft werden. Das reicht jedoch häufig nicht aus, denn die genannten Faktoren sind in den allermeisten Fällen nur ein Symptom. Wenn ein Unternehmen Innovationen keine Priorität einräumt und Führungskräfte nicht pro Innovationen entscheiden, dann liegen die Gründe auch in der Grundhaltung des Unternehmens – in seiner Innovationskultur.

Innovationskultur – Definition

Eine innovationsfreundliche Kultur oder kurz Innovationskultur ist ein Aspekt der Unternehmenskultur und umfasst alle Einstellungen und Werte, aber auch Strukturen und Prozesse, die der Entwicklung von Innovation förderlich sind.

Um eine solche Kultur zu schaffen, bedarf es mehr als ein paar Methoden. Es braucht einen ganzheitlichen Ansatz, der sich auf drei Bereiche erstreckt:

  1. Purpose & Werte
  2. Vision & Strategie
  3. Prozesse & Multiplikatoren

Hinter diesen Aspekten steckt die Überzeugung, dass erfolgreiches Handeln immer einen Grund und ein Ziel hat. Aber auch, dass Kultur maßgeblich durch Verhalten bzw. Handlungen entsteht. Insofern ist der erste Aspekt die wesentliche Grundlage für eine Innovationskultur, in der sich jede:r Mitarbeiter:in wiederfinden kann. Der zweite Aspekt sichert das gemeinsame Verständnis und der dritte Aspekt beschreibt den gemeinschaftlichen Akt, in dem die eigentliche Kultur entsteht. Gehen wir die Aspekte der Reihe nach durch:

1. Purpose & Werte

Das Thema Purpose ist den letzten Jahren zum Buzzword geworden. Die Idee dahinter ist aber gar nicht so neu. Der Purpose eines Unternehmens beschreibt das Wozu oder auch Why, also den Daseinsgrund eines Unternehmens jenseits wirtschaftlicher Ambitionen. Und das ist keinesfalls esoterisches Blabla oder Wohlfühl-Nonsense. Ein geteilter Purpose kann wissenschaftlich belegt für die Mitarbeiter:innen ein wesentlicher Motivationstreiber sein. Ein gut formulierter Purpose, der nicht nur Wachstum oder Gewinnoptimierung schön umschreibt, sondern einen echten gemeinsamen Antrieb definiert, ist dabei auch ein zentrale Triebfeder für Innovation. Um einen solchen Purpose zu erfüllen, müssen Unternehmen unweigerlich ständig in Bewegung bleiben, sich verändernden Rahmenbedingungen anpassen, kreativ sein und innovative Antworten finden. Er ist damit wesentliche Grundlage für eine gute Innovationskultur.

Dabei ist es wichtig, dass der Purpose nicht einfach von ein paar Führungskräften im stillen Kämmerlein entwickelt und anschließend verkündet wird. Die Entwicklung ist ein Dialog und stößt einen Dialog an. Ein Purpose den keiner kennt oder den nur wenige verstehen, kann seinen Zweck nicht erfüllen. Im Rahmen der Purpose-Entwicklung ist also die Kommunikation des Purpose, das Bewerben und verständlich machen, Voraussetzung dafür, dass er auch Triebfeder sein kann.

Idealerweise wird der Purpose begleitet durch eine Reihe von Werten und grundlegenden Handlungsmaximen (Guiding Principles). Sie können den Purpose weiter konkretisieren, aber auch zusätzliche Aspekte herausstellen. Eine Innovationskultur baut dabei insbesondere auf Werten auf die Freiräume, Eigeninitiative und Weiterentwicklung im Kern haben.

Um den gemeinschaftlichen Antrieb in einem Unternehmen für alle greifbar zu machen, kann es sinnvoll sein, nicht nur den Purpose für das gesamte Unternehmen zu definieren, sondern auch den Mitarbeiter:innen in ihren Teams die Möglichkeit zugeben, einen eigenen Purpose zu erarbeiten. Dieser steht im Bezug zum Unternehmenspurpose greift aber die individuellen Schwerpunkte und Prioritäten der jeweiligen Teams auf. Auf diese Weise erzeugt er ein zusätzliches Gefühl der Verbundenheit und Motivation.

2. Vision & Strategie

Wenn der Purpose klar ist, sollte hieraus eine Unternehmensvision abgeleitet werden. Aus dieser wird wiederum eine mittel- oder langfristige Strategie entwickelt. Die Vision ist dabei die Übertragung des Purpose in die Zukunft. Und beantwortet die Frage: Wenn das unser Purpose ist, was ist dann unser Ziel für eine entfernte Zukunft?

Für die Innovationskultur ist eine Vision – zusammen mit der dazugehörigen Strategie – ebenso essentiell wie der Purpose. Beide bilden die Grundlage für selbstorganisiertes, anpassungsfähiges, aber gleichzeitig fokussiertes Arbeiten. Und gerade dieses selbstorganisierte Arbeiten ist ein wichtiger Bestandteil einer innovationsfördernden Kultur. Sie ermöglicht Mitarbeiter:innen eigene Ideen zu verfolgen, auszuprobieren und so selbstbestimmt Innovation voranzutreiben. Denn Innovation braucht Freiraum – für Kreativität und Experimente – ohne Angst vor Fehlern zu haben. Fehler und das daraus Lernen sind unweigerlicher Bestandteil innovativen Handelns.

Wie schon beim Purpose ist es auch bei der Vision und Strategie die Kommunikation an alle Mitarbeiter:innen essentiell. Und auch hier geht es nicht nur ums Senden, sondern um einen Dialog. Wir empfehlen daher auch Vision und Strategie als eine Art MVP zu begreifen. In einer internen Kampagne wird die Strategie dann nicht nur vorgestellt, sondern mithilfe des Feedbacks von mindestens den wichtigsten Stakeholder fein geschliffen. Anschließend geht es mit den Teams in die konkrete Ausgestaltung der Strategie. Mithilfe von Leuchtturmprojekten werden Innovationsprinzipien und -methoden praktisch vermittelt und somit greifbar. Außerdem bieten sie die Möglichkeit, wichtige Erkenntnisse für die Innovationskultur zu sammeln.

Tatsächlich sind in Vision und Strategie vieler Unternehmen die innovativen Ambitionen verankert. Auch eine innovationsfördernde Kultur wird darin angestrebt. Gleichzeitig sieht die Realität in den Unternehmen häufig anders aus. Denn eine Strategie allein reicht nicht. Um eine echte Innovationskultur zu etablieren, muss die Strategie operationalisiert werden, d. h. aus den Zielen müssen konkrete Strukturen und Prozesse abgeleitet werden. Kultur entsteht durch Handeln.

3. Prozesse & Multiplikatoren

Der für mich wichtigste Teil in der Etablierung einer Innovationskultur sind Strukturen und wiederkehrende Prozesse, die dauerhaft Freiräume schaffen, Kreativität fördern und zu selbstverantwortlichem Agieren anhalten. Dabei spielen Innovation Ambassadors als Multiplikatoren eine entscheidende Rolle. Sie sorgen dafür, dass der Purpose und die Vision auch wirklich in Handeln übergehen. Sie treiben die Einführung von Strukturen und Prozessen und sorgen dafür, das diese kontinuierlich überprüft und nach Bedarf angepasst werden. Sie strecken aber auch auf einer ganz persönlichen Ebene ihre Fühler im Unternehmen aus, gehen mit Mitarbeiter:innen ins Gespräch und räumen auf diese Weise viel effektiver Bedenken aus dem Weg. Nur so kann sichergestellt werden, dass eine nachhaltige Innovationskultur entsteht, die dauerhaft und regelmäßig Innovationen hervorbringt. Und zwar nicht nur Ideen für Schubladen, sondern richtige Produkte, Services oder Kommunikation, die am Ende auch im Markt landen.

Bei der Einführung von neuen Strukturen und Prozessen kann es richtig ans Eingemachte gehen. Denn es gilt u.a. zu klären:

  • Wer übernimmt wofür Verantwortung?
  • Woher kommen benötigte Kapazitäten?
  • Wieviel Freiraum für Experimente gewähren wir, und wir stellen wir das sicher?
  • Wie gewährleisten wir ein kontinuierliches Vorgehen?
  • Wie lernen wir mit- und voneinander?
  • Wie sieht die Zusammenarbeit in Innovationsprojekten aus?
  • Wie reagieren wir auf Veränderungen?

Einiges davon ergibt sich aus den beschriebenen Leuchtturmprojekten und kann zunächst einfache Handlunsgprinzipien, die Etablierung von Innovationsmethoden (Lean Startup, Design Thinking, Scrum usw.) oder schlicht wiederkehrender Workshops und Events beinhalten. Anderes ist grundsätzlicher Natur und kann die gesamte Unternehmensorganisation betreffen. Etwa die Einführung dynamischer Zielsetzungsmethoden wie OKR, die Organisation in Projekt- oder Produktteams anstatt Fachbereiche bis hin zu selbstorganisierten Teams mit flachen und dynamischen Hierarchien (Holacracy).

Fazit

Um eine Innovationskultur nachhaltig zu etablieren, ist es gerade im letzten Teil wichtig am Ball zu bleiben. Sonst bleibt die Kultur eine nette Idee auf dem Blatt Papier und es ändert sich wenig. Dabei muss nicht gleich die große Organisationstransformation losgetreten werden. Mögliche erste Schritte sind die Durchführung von Workshops, Events und Termine ausgehend von den Leuchtturmprojekten. Der Aufbau einer gemeinsamen, für alle offenen Plattform, um Impulse und Ideen zu teilen. Oder die Förderung einer einfachen, bereichsübergreifenden Zusammenarbeit. Das Wichtigste dabei sind Multiplikatoren, die das Thema mit Herzblut treiben und nicht zu letzt. Routine. Denn wie beim Einzelnen ist es auch in Unternehmen. Nur Dinge, die ich regelmäßig mache, halten sich auch und haben bleibenden Einfluss.

Wenn sie Interesse am Thema Innovationskultur haben, sprechen Sie uns an. Wir unterstützen Sie gerne. Mehr dazu finden Sie hier: Innovation Culture Programm. Oder gehen Sie mit uns die ersten Schritte und probieren es aus: Lean Innovation Kickstart.

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