Brainstorming muss aussterben!

Ein kurzer Exkurs in die Stärken und Schwächen der Brainstorming Methode und die besseren Alternativen.
Franziska Luh
April 16, 2019

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Brainstorming ist eine der ältesten Kreativtechniken zur Ideengenerierung und müsste mittlerweile ausgestorben sein. Denn das klassische Brainstorming ist überholt. Aus guter Gewohnheit und dem Wunsch nach offener Kollaboration halten Workshopleiter und mancher Facilitator daran fest. Und aus einer falschen Annahme heraus, dass nämlich gemeinsames Brainstorming zu besseren Ergebnissen führt. Das stimmt aber nicht.

Die Brainstorming Methode

Starten wir zuerst mit einer Einordnung. Ideation Techniken wie Brainstorming werden in unserem Alltag und im Alltag unserer Kunden für schnelle Problemlösungen und in der, sagen wir, Mitte von Innovationsprozessen angewendet. Zuerst wird immer das Problem und der Kontext definiert, dann gilt es viele Ideen zu entwickeln.

Brainstorming wurde 1939 vom Werber Alex Osborn erfunden und 1942 in seinem Buch “How to Think Up” veröffentlicht. Er bezeichnete Brainstorming als “eine Konferenztechnik, bei der eine Gruppe versucht, eine Lösung für ein bestimmtes Problem zu finden, indem sie alle Ideen spontan von ihren Mitgliedern sammelt”. Um Kreativität und Vielfalt zu fördern, definierte er vier zentrale Regeln:

  • Keine Kritik an Ideen
  • Fokus auf Masse
  • Auf Ideen anderer aufbauen
  • Wilde und übertriebene Ideen ermutigen

Die Regeln sind weiterhin größtenteils richtig. Aber der Prozess ist nicht ideal. Während der demokratische (bzw. demokratisch gemeinte) Ansatz in den 40er Jahren eine Revolution war und beeindruckende Ergebnisse vorweisen konnte, hat man in der Zwischenzeit neue Ansätze der freien Ideengenerierung entwickelt und in großen Vergleichsstudien überprüft. Das Ergebnis ist einfach gesagt, “jeder für sich” siegt über “alle zusammen”, sowohl in der Masse als auch in der Qualität der Ideen.

Die Schwächen der Brainstorming Methode

Warum ist “jeder für sich” besser? Hier kommt die Psychologie ins Spiel.

  1. Wenn Menschen zusammenarbeiten, neigen ihre Ideen dazu, sich zu vereinigen. Denn das menschliche Gehirn sucht Konsens und vermeidet Dissonanz. Die erste(n) Ideen(n), die ein Teammitglied äußert, prägen unbewusst die Meinungen und Ideen der anderen. Das nennt sich auch Framing- oder Bezugsrahmen-Effekt. Die Regel, gleich aktiv auf einander aufzubauen, verstärkt den Effekt.
  2. Wenn Menschen mit unterschiedlich ausgeprägter Dominanz zusammenarbeiten, werden die extrovertierten Alpha-Tiere häufiger das erste Wort haben und damit die wichtigsten Beeinflusser sein.

Wir bekommen also plump gesagt nicht nur weniger und ähnlichere Ideen, sondern auch hauptsächlich die der Chefs.

Wenn im Gegensatz dazu in Teams zunächst jeder für sich an der gleichen Herausforderung arbeitet, fliesst die ganze Vielfalt unterschiedlicher Denkansätze und Problemlösungsstrategien ein. Jeder nimmt einen etwas anderen Weg. Das Ergebnis sind mehr unterschiedliche und in Summe bessere Ideen.

Die Brainstorming Alternative = “Together-Alone”

Wie geht das genau? Wir verlagern den Ideenfindungsprozess in kurze Zeitabschnitte, in dem jedes Team-Mitglied für sich allein arbeitet. Ein Moderator erläutert zunächst die Problemstellung und den Kontext, für den Ideen gesucht werden. Dann hat das Team eine feste Zeit, z.B. 5 Minuten, um Lösungen in Stichpunkten auf Post-its zu notieren. Im Anschluss liest jeder Teilnehmer kurz alle eigenen Ideen vor und der Moderator stellt schon beim Aufhängen der Post-its gleiche oder ähnliche Ideen zusammen — bildet also Cluster. So wird schon auf den ersten Blick klar, wo es Gemeinsamkeiten gibt.

Im Anschluss wird bewertet, welche Ideen weiterverfolgt werden, z.B. durch Markierung der Favoriten mit Punkten. Ein kleiner Trick, den wir gern anwenden, damit jetzt nicht nur auf die größten Cluster gepunktet wird: Während des Vorstellens jedes Einzelnen ermutigen wir alle anderen Teilnehmer, wenn ihnen etwas positiv auffällt, auf dass sie selbst nicht gekommen sind, zu lauten Zustimmungen und wenn es schnell geht auch zu positiven Ergänzungen. So bekommt man den kollaborativen, additiven Effekt wie im Brainstorming ohne die verfrühte Vereinigung von Ideen (und Verringerung der Optionen).

Wir nutzen “Together-Alone” im Übrigen für alle möglichen Übungen, nicht nur die freie Ideengenerierung. Wenn schon viele Ideen entstanden sind und frische Lösungen nicht mehr so richtig sprudeln, eignet sich z.B. die Übung “Crazy 8”. Hier passiert vom Ablauf her das Gleiche wie oben beschrieben. Aber: Anstelle von neuen Lösungen werden Variationen zu einer ersten Idee gesucht und mit sehr eingeschränkter Zeit (60 Sekunden pro Idee) der Druck erhöht. Dazu gibt es hier im Video eine ausführliche Anleitung:

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Noch kurioser ist vielleicht die Anwendung von “Together-Alone” wenn es um Priorisierung geht. Gerade hier, würde man vielleicht meinen, kann es nur gemeinsam zu einer demokratischen Entscheidung kommen. Gemeinsam kommt man aber auch gern mal zu endlosen Diskussionen.

Im X-O Decision Jam, eine Abwandlung des Lightning Decision Jam von AJ&Smart wird zunächst eine Art SWOT Analyse “Together-Alone” befüllt und dann erst gemeinsam die Verortung von Ideen finalisiert. Hier geht es weniger um Quantität — beim Entscheiden geht es ja um Reduktion — sondern um wirklich objektive Priorisierung. Hierzu findest du schon jetzt eine Anleitung und bald auch ein detailliertes YouTube Video.

Fazit: Die beste Quantität und Qualität von Ideen und Entscheidungen entsteht nicht durch gemeinsames freies Denken, sondern einen zweistufigen Prozess mit getrennten und gemeinsamen Elementen.

Die größte und kreativste Vielfalt zeigt sich am Anfang durch individuelle Lösungswege in einer “Jeder-für-sich”-Ideation. Die besten Team-Ergebnisse ergeben sich dann im zweiten Schritt im Übereinanderlegen und Vereinigen dieser Ideen. Probiert es mal aus!

Zum Abschluss noch eine radikale Handlungsempfehlung: Wer als Manager heute noch von einem externen Dienstleister ein Brainstorming vorgeschlagen bekommt, sollte diese Zusammenarbeit überdenken. Kommt der Vorschlag von einem Kollegen, könnte man ihm ein Design Thinking Training empfehlen. Sprich uns an!

Quellen: 

https://medium.com/galleys/brainstorming-does-not-work-6ad7b1448dcfhttps://hbr.org/2017/05/your-team-is-brainstorming-all-wronghttp://www.brainstorming.co.uk/tutorials/historyofbrainstorming.html

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