Die Kettenreaktion des Guten

Was Kooperation mit Spieltheorie zu tun hat und was du daraus lernen kannst.
Nadine Balzen
März 5, 2019

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Wir haben das Spiel Die Evolution des Vertrauens von Nicky Case wiederentdeckt. Es startet mit etwas Geschichte: Es ist Weihnachten 1914 an der Westfront. Trotz des Befehls, nicht mit dem Feind zu interagieren, verlassen sowohl britische als auch deutsche Soldaten die Schützengräben und treffen sich um Tote zu begraben, Geschenke auszutauschen oder Spiele zu spielen. Jetzt haben wir 2019. Im Westen herrscht Frieden und trotzdem ist das weltweite Vertrauen im Keller. Das Spiel startet mit folgender Frage: Warum werden, selbst in Friedenszeiten, Freunde zu Feinden? Und warum werden, selbst in Kriegszeiten, Feinde zu Freunden? Dieses Phänomen soll mithilfe von Spieltheorie erklärt werden.

Das Spiel des Vertrauens

Quelle: Nicky Case

Bei diesem Spiel hast du selbst die Wahl. Wenn du eine Münze in die Maschine steckst, bekommt der andere Spieler drei Münzen — andersherum genauso. Jeder hat die Wahl entweder zu KOOPERIEREN (eine Münze zahlen) oder zu BETRÜGEN (keine Münze zahlen und hoffen, dass der andere aber kooperiert).

Ein Spielverlauf: Als Erstes betrügt die Mitspielerin. Was machst du also selbst? Genau, du betrügst ebenfalls. Ansonsten gewinnt sie drei Münzen und du verlierst eine. Wenn beide betrügen, gewinnt oder verliert ihr beide nichts. Wenn die Spielerin jetzt aber kooperiert, was machst du in dem Fall? Genau, wieder betrügen! So verliert sie eine Münze, du gewinnst aber drei. Und hier liegt schon das Problem. Vertrauen ist gut, aber es kann auch dazu führen, dass du ausgenutzt wirst. Manchmal ist Misstrauen deswegen sogar vernünftig.

Was passiert nun wenn man das Spiel öfter als einmal spielt? Es werden zwischen drei und sieben Runden (du weißt vorher nicht, welches die letzte Runde ist) gegen verschiedene Gegner mit unterschiedlichen Strategien gespielt.

Die Spieltypen

Quelle: Nicky Case

Diese Spieltypen haben alle eine unterschiedliche Strategie. Der Nachäffer kooperiert im ersten Zug. Danach kopiert er den Zug, den der Gegenspieler davor gemacht hat. Der Groll startet mit kooperieren und bleibt auch dabei. Sollte man ihn betrügen, betrügt er allerdings beleidigt den Rest des Spiels. Immer Betrügen und Immer Kooperieren betrügen und kooperieren jeden Zug, egal was passiert. Die Detektivin analysiert. Sie beginnt: Kooperieren, Betrügen, Kooperieren, Kooperieren. Wenn du betrügst, verhält sie sich wie der Nachäffer. Wenn du niemals betrügst, verhält sie sich wie immer Betrügen, um dich auszunutzen.

Rein rechnerisch gewinnt der Nachahmer

Durchläuft man verschiedene Turnier-Szenarien gewinnt bei einem einzelnen Turnier mit Gleichverteilung der Nachäffer. Bei mehreren Turnieren fliegt zuerst Immer Kooperieren raus, da die Betrüger sie ausnutzen. Sobald “IK”-Typen nicht mehr mitspielen vermehren sich die NachäfferImmer Betrügen wird Opfer der eigenen Strategie. Die Nachäffersind nett, aber nicht naiv. Die Nachäffer können gegenseitig nett zu einander sein. Immer Betrügen hingegen, betrügen sich gegenseitig. Und wenn sie gegen den Nachäffer spielen, betrügt dieser ebenfalls, da er den vorherigen Zug kopiert. Die Nachäffer bleiben am Ende als letzte Gruppe über und gewinnen so das Turnier. Wenn Groll und Detektivin mitspielen, ist das Ergebnis ähnlich. Ab und zu bleiben trotzdem ein paar Groll über, da sie unentschieden gegen einen Nachäffer spielen und alle anderen ausgeschieden sind. Aber auf lange Sicht gewinnen auch hier die Nachäffer. Die Philosophie “Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst,” scheint also nicht nur eine philosophische Wahrheit, sondern auch eine mathematisch Wahrheit zu sein.

Es gibt trotzdem ein Problem: Sieh dich um. Die Welt ist voller Volltrottel.

– NICKY CASE

Wenn die Nachäffer-Strategie so erfolgreich ist, warum gibt es dann so viele misstrauische Menschen? Bisher wurde nur über Änderungen bei Spielern selbst gesprochen. Was passiert bei einer Änderung am Spiel?

Das führt zu Evolution des Misstrauens

Ein neues Szenario: Jetzt ist die Welt voller Immer Kooperieren. Es gibt nur einen Immer Betrügen und einen Nachäffer. Der Nachäffer gewinnt auf lange Sicht erneut. Aber bei nur einer Runde gewinnt Immer Betrügen. Bei zwei Runden gewinnt ebenfalls Immer Betrügen, der Nachäffer kann sich trotzdem über ein paar Durchgänge vermehren und halten. Ähnlich sieht es bei drei, vier und fünf Runden pro Partie aus. Ab sechs Runden gewinnt der Nachäffer. Einfach gesagt, auf kurze Sicht dominiert der Betrug. Weniger sich wiederholende Interaktionen führen zu Misstrauen.

“Wir haben heute weniger Freundschaften über die Grenzen von Klasse, Rasse, Vermögen und Politik hinweg, weil wir weniger Freunde haben.”

– NICKY CASE

Ein weiteres Hindernis auf dem Weg zum Vertrauen ist die Schwäche des Nachäffers selbst. Wenn zwei Nachäffer gegeneinander spielen, starten sie mit Kooperieren und würden das bis ans Ende ihrer Tage machen. Aber was ist wenn während des Versuches etwas Gutes zu erwidern Fehler, Missverständnisse oder Fehlinterpretationen passieren (was im echten Leben ständig der Fall ist), aber die andere Person nicht denkt, dass es ein Unfall war?

Genau, der Nachäffer schlägt zurück und betrügt. Sowohl Immer Betrügenals auch Nachäffer und Groll würden jetzt mit Betrügen weitermachen. So entsteht eine Spirale des “Bösen”.

Das führt zu meinem letzten wichtigen Punkt: Kommunikation ist eine der wichtigsten Herausforderungen für Vertrauen. Eine Störung stösst vielleicht auf Nachsichtigkeit, viele Störungen verbreiten Misstrauen und negatives Verhalten. Dazu tragen sicherlich auch die Social und Messenger Kommunikation bei, die unser Kommunikationslevel zwar erhöhen, aber auch die Wahrscheinlichkeit für Missverständnisse erhöhen.

Probier es selbst einmal aus! Du kannst im Spiel die Bevölkerung, Auszahlung der Münzen und Regeln selbst einstellen und damit herumspielen.

Was lernen wir daraus?

  1. Wiederholung hilft! Vertrauen hält eine Beziehung am Laufen. Aber bevor sich Vertrauen entwickeln kann, muss die Möglichkeit zukünftiger Aktionen bekannt sein.
  2. Proaktives Vertrauen stösst mehr Vertrauen an! Wenn in der Rechnung der Nachäffer gewinnt, kannst du durch gute Entscheidungen, eine “Welle des Guten” starten.
  3. Missverständnisse antizipieren! Schon eine Störung kann das Vertrauen brechen. Es lohnt sich mindestens “eine Runde” nachsichtig zu sein, schließlich gibt es viele Möglichkeiten sich misszuverstehen.

Im realen Leben gibt es natürlich noch mehr Faktoren, die unser Vertrauen beeinflussen wie gemeinsame Werte, Ansehen, Kultur etc.. Was du aus diesem Spiel zum Vertrauen mitnehmen kannst, ist dass die Art des Spiels das Verhalten der Spieler bestimmt. Die Menschen verlieren nicht einfach so das Vertrauen, sondern die Umwelt wirkt manchmal der Evolution von Vertrauen entgegen. Spieltheorie erinnert uns daran, dass wir unsere gegenseitige Umwelt sind.

Kurzfristig bestimmt das Spiel die Spieler. Aber langfristig sind es wir Spieler, die das Spiel bestimmen.

– NICKY CASE

Tu also was du selbst für die richtigen Faktoren zur Entwicklung von Vertrauen hältst. Schaffe Beziehungen und Win-Win-Situationen und kommuniziere verständlich. So kommen wir zusammen, um alle voneinander zu lernen.

So geht “kooperative Vorleistung”

Wie wendet man das Ganze jetzt für sich selber an? Ich habe zwei kleine Tipps für dich.

Im Workshop: Sei der positive Vorkämpfer!

In Workshops kann es schnell hitzig werden oder viele Diskussionen geben. Lobe jeden konstruktiven Beitrag auch wenn du gerade noch etwas blöd fandest. Bleibe ruhig und verständnisvoll. Versuche alle Probleme kommunikativ und verständlich für alle zu lösen. So entsteht eine angenehme Arbeitsatmosphäre, in der sowohl Teilnehmer als auch Moderator respektvoll, verständnisvoll und kooperativ zusammenarbeiten können. Am Ende des Tages erreicht man so ohne große Ablenkungen oder Störungen das Ziel des Workshops am besten.

Im täglichen Leben: Sei der Erste der nicht hupt!

Wenn dir mal wieder die Vorfahrt genommen wird, jemand im Weg herumsteht oder etwas für dich, in der Situation absolut Unverständliches, macht, bleib ruhig. Diskussionen steigern sich gern hoch und machen ein schlechtes Gefühl für den weiteren Tag. Manchmal hilft Ignorieren oder einfaches Nachfragen nach den Gründen in so einer Situation schon weiter. Achte dabei auf einen sachlichen Tonfall.

Es gibt immer Gründe!

Es gibt viele Möglichkeiten, warum jemand negativ in eine Situation startet: Frustration, Stress, Unsicherheit, unvollständige Fakten oder Übersicht, Überforderung in der Situation oder Erschrecken. Wer kennt nicht die meckernde Oma neben dem Fahrradweg. Auch wenn du neben ihr radelnd im Recht bist, erschreckt sich sie ja trotzdem.

Denk ebenfalls daran: Man ist selber auch mal der Idiot. Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin und es eilig habe, stehe ich auch mal an der Ampel im Weg und mache das, was mich ansonsten selbst aufregt. Oder Fußgänger, die einfach den Fahrradweg kreuzen. Das ist mir selber auch schon passiert. Sei es durch ein Telefongespräch oder ich hatte es eilig noch schnell über die Ampel zu kommen.

Es ist also gar nicht so schwer, einander zu verstehen und eigentlich auch nicht, aufeinander zu achten. Wenn du mit gutem Bespiel voran gehst, ist es wahrscheinlich, dass dir mehr Leute folgen, als du denkst!

Quelle: Die Evolution des Vertrauens von Nicky Case

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